Costa de la Luz ...
Medina Sidonia

Ferien im „weißen Dorf“ Medina Sidonia

Medina Sidonia ist ein ursprüngliches, quicklebendiges Städtchen mit ca. 11.000 Einwohnern, auf einer 300m über dem Meer gelegenen Anhöhe, die fantastische Blicke auf die Bucht von Cadiz bietet. Zum Landesinneren hin finden sich die Hügel – und höheren Bergketten der Sierra Grazalema, die zum Naturschutzgebiet erklärt wurde.

Medina Sidonia wurde von den Phöniziern gegründet, von Römern besiedelt und vor allem die maurischen Eroberer prägten das heutige Stadtbild. Es zeigt sich typisch andalusisch mit weiß gekalkten Häusern, schattigen Patios, mehreren kulturhistorisch interessanten Bauwerken und Kirchen sowie Parkanlagen. Kleine Läden, eine Unmenge von Bars sowie ein überdachter Markt vermitteln das typisch südliche Urlaubsflair ohne die Auswüchse des Massentourismus. Medina lebt auch dann noch, wenn die Urlauberströme wieder gegangen sind und die Küstenregion die Roll-Laden herunterlässt. Mit Ausnahme von ein paar Tagestouristen ist Medina ganz in spanischer Hand, nur wenige Mitteleuropäer haben das Städtchen bisher als Zweitwohnsitz entdeckt.

Stadt und Umland leben überwiegend noch von der Landwirtschaft, es gibt ausgedehnte Sonnenblumen- und Getreidefelder aber auch Viehzucht. Die Ruta de Toros ( = Stierstraße ) führt von Medina nach Naveros, hier kann man Kampfstiere sehen, die für die corridas in ganz Spanien gezüchtet und ausgebildet werden.

Medina „Spezial“: Lokalkolorit, ein bisschen Klatsch und Tratsch….

Medina lebt hinter geschlossenen Rolladen, sommers wie winters gleichermaßen, wir sind die ganz wenigen, deren Anwesenheit zu Hause man gleich an geöffneten Fenstern erkennt … außer im Hochsommer, wegen der Wärme. Das macht aber nichts, weil die Leute ja meistens auf den Straßen und in den Läden unterwegs sind, das Leben findet mehr auf der „calle“ statt. Durchaus auch manchmal nachts, vor allem Freitag und Samstagabend, da können die Jugendlichen mit ihren Mopeds auch mal lästig werden. Dafür schläft man gerne lange, vor allem am Sonntag, aber auch alltags machen die Geschäfte meistens erst ab 9:00h oder sogar 10:00h auf, schließen dann über Mittag und öffnen wieder gegen 17:00/18:00 h , je nach Jahreszeit. Ausnahme: der Mercadona-Supermarkt ist ganztägig geöffnet, bis 21:15h. Wenn man nicht viel Zeit mit dem Einkauf verbringen will, empfiehlt er sich auch deswegen, weil es hier Selbstbedienung gibt, im Gegensatz zu den kleinen Läden, wo die Bedienung sehr langatmig sein kann und außerdem mehr geschwätzt als gekauft/verkauft wird. Neulich stand ich in einem der kleinen Märkte unterhalb der Wohnung in der Calle San Juan de Dios, wollte etwas Fleisch einkaufen, hatte aber eine Frau vor mir, die 5 kg Kotelett „aufgeschnitten“ brauchte, das waren gute 40 Stück. Der Prozess des Zerlegens war von einem angeregten Gespräch zwischen Metzger, Kundin und einer ( die sind immer unterwegs- ) Oma begleitet, von meiner leichten Ungeduld ( ich wollte nur ein einziges Hähnchenfilet ) nahm dabei keiner Notiz….

Beim Gemüseladen und Bäcker in der gleichen Straße muss man auch Wartezeit einplanen, die Leute stehen oft bis auf die calle, vor allem beim Gemüse auch deswegen, weil Unmengen eingekauft werden ( das Angebot ist excellent und sehr billig ), meine Kleinbestellungen erregen meistens Unverständnis( wie, schon alles?).

Beliebt, und zum Stöbern zu empfehlen, sind die kleinen Möbelläden im Zentrum und auch die diversen „bazar chino“ mit allerhand Niedrigpreisartikeln finden rege Nachfrage. Das ist der Bereich der Frauen, von denen die meisten nicht berufstätig zu sein scheinen, während die Welt der Männer die unzähligen Bars sind, fast immer mit Fernsehapparat und Fußballsender. Man kann als Frau aber durchaus in die bars gehen…..Und die älteren Männer stehen –mit Ausnahme der Siestazeit – am club para mayores/ancianos und schauen dem Leben auf der Plaza und der Hauptgeschäftsstraße calle Juan zu oder dem Treiben auf dem überdachten Markt mercado de abastos.

Spanier essen gern und viel Süßes, daher sollte man extrem lange Wartezeiten einplanen, wenn man am Sonntag Kuchen/Torten aus der pastelleria holen will, in einer gibt es sogar Nummern zu ziehen für die Reihenfolge und 30-40 Minuten sollte man einkalkulieren ( besser also vormittags bis 13:30h einkaufen). Dafür bekommt man rund um die Uhr kleine dulces an den Kiosken und Miniläden, auch am Sonntag…und das sieht man den Figuren auch deutlich an, wobei die kleine Körpergröße den Eindruck von Fülligkeit noch unterstreicht. Mir schauen die Leute gern erst mal auf die Füße- ob ich hohe Absätze trage …..

Medina hält auf Kulturprogramm, im Sommer gibt es den verano cultural, mit kostenfreien Konzerten und Darbietungen auf der plaza , im Winter wird „Bethlehem“ aufgebaut und auch schon mal eine Eisbahn aus Kunststoff zum Schlittschuhlaufen. Man wollte sogar ein eigenes Theater bauen, es steht im Rohbau, ein ziemlich blöder Würfel am Rande des Stadtkerns….leider ist der Baulöwe mit dem Geld durchgebrannt, hört man; die spanische Krankheit, wie mir meine Nachbarn berichten. Nichts gegen Marbella, dort wurde der Bürgermeister und der halbe Stadtrat inzwischen wegen Korruption verurteilt.

Zum kulturellen Anspruch gehört auch die semana de puertas abiertas Anfang Dezember, da öffnen alle großen Häuser ihre patios und man merkt erst mal, was hinter den Kulissen der Eingangstore alles los ist. Sehr empfehlenswert!!! Die Besucher werden sogar hinsichtlich Nationalität, Alter und Informationsmedium evaluiert. Von belem (Bethlehem) war schon die Rede…ganz Medina baut dann ein Dorf in Palästina auf und frönt der historischen Verkleidung, mit allen Handwerksbetrieben, viel Viehzeug, Römern auf den Zinnen der großen Hauptkirche, Musik…und ganz viel Andrang aus der weiteren Umgebung. Auch hier muss man anstehen, die Besucherströme werden etappenweise durch belem ( rund um die große Hauptkirche auf dem Berg, tolle Aussicht!!) geleitet.

Im Mai/Juni, meist am letzten Wochenende, beginnt die große sommerliche Spektakelzeit mit der feria. Eine Woche erlahmt das Geschäftsleben, die Bars sind ausgestorben, die meisten Restaurants geschlossen. Todo el mundo schläft tagsüber und vertreibt sich die Nächte auf dem prado de la feria, mit Vergnügungspark, Kirmes , Fresszelten und Musik/Tanzveranstaltungen. Stolze caballeros führen ihre Pferde, stolze donas ihre traditionalen Flamencokleider vor und spazieren, manchmal gibt es eine corrida, Medina ist ja DAS spanische Dorf der Stierzucht. Ein ambulanter Kleidermarkt rundet das Programm ab. Dieser findet übrigens auch jeden Montagvormittag ganz in der Nähe unserer Wohnung auf dem Mercadillo statt, man kann recht günstige T-shirt, Socken u.ä. erwerben, wer will, auch die sehr verbreiteten , gefütterten Steppmorgenmäntel für Damen, die im Winter gern über der normalen Kleidung getragen werden…es gibt in den alten Häusern keine Heizung ( übrigens auch noch nicht in allen fließendes Wasser ) und die Winternächte sind teilweise kalt. Auch in den Läden frieren die Verkäuferinnen dann sehr, die weißen Häuser strahlen die Sonnenwärme ja zurück. Im Sommer laufen teilweise Klimaanlagen oder Ventilatoren, trotzdem beginnt dann fast jedes Gespräch mit …oh, hace calor…oder que caliente!!!, im Winter aber ebenso mit …hace frio…und zu allen Jahreszeiten wird über den Levante geschimpft, der wieder zum Putzen zwingt, weil er soviel Sand und Erde mit sich führt. Im Gegensatz zu früher ( und manchen Großstadtecken ) ist Spanien ziemlich sauber geworden, die bar-Kultur, wo aller Müll und die Kippen auf den Boden flogen, ist weitestgehend verloren gegangen. Selbst die Toiletten, früher eine absolute Zumutung, sind zwar oft immer noch klein ( ich hab manchmal Schwierigkeiten, die Knie unterzubringen ) aber einigermaßen sauber. Das Städtchen ist also ziemlich gepflegt, die Gartenanlagen erfreuen sich geradezu deutscher Ordnung, die Häuser werden sowieso sehr sauber gehalten. Traditionell streichen die Frauen jedes Jahr im Frühjahr die Häuser neu an, es wird die weiße Kalkfarbe verwendet, die den Dörfern den typischen Charakter verleiht ). Eine Ausnahme: unser Hauseingang wird gerne von den Kids und Jugendlichen der Straße zum Hock genutzt, zum Quatschen gehört das Knabbern von Sonnenblumenkernen zwingend dazu und die Schalen werden hinterlassen…meine Bitten verhallten bisher ungehört, dafür sind sie aber alle nett und hilfsbereit, tragen auch mal was ins Haus und helfen bei eventuellen Problemen gerne aus. Die Kinder sind es auch, die am ehesten noch ein – mageres – englisch oder französisch können, sich immer interessiert an unseren Gästen zeigen und die mitgebrachten Kids auch gerne in ihren Kreis integrieren. Vor allem Jungs werden als Verstärkung für die Fußballteams, die sich spätnachmittags beim Mercadillo treffen, gesucht. Die älteren Jugendlichen treffen sich Freitag und Samstag im Park, wo dann auch ziemlich viel, ausschließlich harter Alkohol und wohl auch ein bisschen hierbas (Marihuana) und Haschisch (poro) die Runde macht. Jungs und Mädels bilden gewöhnlich getrennte Cliquen, nicht einheimischen Jungs wie meinem Sohn werden aber gerne alle Schönheiten des Dorfes vorgeführt. Tipp: die schönsten Mädchen gibt es an den Stränden von Cadiz zu sehen, wie gut informierte Quellen berichten.

Auch zu den erwachsenen Nachbarn haben wir teilweise guten Kontakt. Die Nachbarin auf unserer Etage heißt Eva, ist Ärztin, selten da aber wenn, hilfsbereit…leider aber auch nur spanischsprachig. Unten wohnt rechts derzeit niemand, die Wohnung steht zum Verkauf, der Eigentümer bekam nach Fertigstellung ein Baby und die Wohnung war gleich zu klein. Unten links „wohnt“ eine Familie nur an Ostern und im Juli/August, es ist eine reine Ferienwohnung für Carmen und Enrique, die eigentlich im hohen Norden, in Asturien, zu Hause sind. Somit gehört uns meist das ganze Haus allein, es ist daher sehr ruhig. Eine Freundschaft verbindet uns mit der Familie Cepero in einem der Häuser unter uns, David hat auch die Eigentümer-Präsidentschaft inne, ist Anwalt, spricht aber auch nur spanisch. Selbst für Akademiker gilt, dass sie meistens keine weitere Sprache beherrschen, was mit dem Bildungsrückstand aus der Franco-Aera zu erklären ist. Jeder, der ein bisschen spanisch kann, wird deswegen sehr gelobt und bewundert, eben weil Fremdsprachenkenntnisse so selten sind. Hieraus erklärt sich aber auch, dass weder der Dialekt noch die Redegeschwindigkeit abgebremst werden, so dass selbst Spanischsprechende ihre Schwierigkeiten mit dem Verstehen haben werden. Man wird übrigens grundsätzlich für einen ingles ( Engländer ) gehalten, von denen es im Dorf ein paar gibt, wir sind bisher die einzigen Deutschen….aha, alemanes!!...dagegen werden die Hotels in Chiclana/Novo Sancti Petri von deutschen Urlaubern gerne besucht, sie liegen ja auch direkt am kilometerlangen Sandstrand und haben durchweg einen sehr guten Standard. Jüngst, hörte ich, machte Kurt Beck ( SPD ) dort Urlaub…auf alle Fälle kann man sich dort mit deutschen Zeitungen versorgen, ausländische Presse gibt es in Medina nicht zu kaufen.

Den Altstadtbereich sollte man eher zu Fuß aufsuchen, mit dem Auto gibt es Parkplatzprobleme. Wenn doch, dann in den blau markierten Zonen parkend unbedingt ein ticket lösen, das Knöllchen kosten 90 Euro ( in Worten: neunzig!! ) und die männliche Politesse ist sehr rührig. Allerdings ist es mit dem Eintreiben offenbar nicht so weit her, im Dezember 2007 habe ich mir mal eins eingefangen und bis jetzt (Juni 2008) noch nichts davon gehört, obwohl über die Mietwagenfirma meine Adresse ja gut feststellbar wäre. Auch mit anderen Gebühren scheint es nicht so eilig zu sein, wir haben bisher, seit gut 2 Jahren, noch keine Müllgebühren bezahlt, obwohl wir uns besorgt und heftig darum bemüht haben. Daraus erklärt sich vielleicht auch ein Teil des Defizits im spanischen Staatshaushalt….Übrigens: die Sozialabgaben werden so gut wie ausschließlich vom Arbeitgeber bezahlt, die Steuersätze sind eher gering und die Mehrwertssteuer liegt noch bei 16%, was sich vor allem bei Lebensmitteln und dem vergleichsweise günstigen Benzinpreis bemerkbar macht ( um 1,10€/Juni 2008 ). Wegen der vorzugsweise landwirtschaftlichen Einkommensstruktur gibt es in Medina noch das Buch zum Anschreiben in den kleinen Lebensmittelläden, die Gesamtrechnung wird dann nach der Ernte beglichen, natürlich nicht im Mercadona möglich, was den kleinen Läden vielleicht eine Überlebensmöglichkeit sichert und auf diese Weise den typischen Charme des Städtchens erhält.